Versuch der Aufarbeitung
brauner Ortsgeschichte in Rankweil

Die Zeit des Nationalsozialismus in Rankweil ist historisch wenig – zumindest nicht zusammenhängend – aufgearbeitet. Eine rühmliche Ausnahme bldet die Geschichte der Anstalt Valduna, wo 330 Patienten im Rahmen der Deportationen zu Tode gekommen, 262 davon vergast worden sind.

Wer die zahlreichen historischen Publikationen über jene Zeitepoche durchackert, in Archiven herumstöbert oder im Google recherchiert stößt zwar immer wieder mal auf NS- Einzelfälle welche Rankweil betreffen. Doch „Nationalsozialismus in Rankweil“ ist nicht als Ganzes zu finden! Im Zuge meiner Recherchen zu diesem Thema bin ich als zeithistorisch Interessierter auf viele Details zum Thema Nationalsozialismus in Rankweil gestoßen, habe versucht die unzähligen Puzzle zu ordnen und zusammen zufügen.

Ohne den Anspruch einer geschichtlichen Aufarbeitung zu erheben, punktuelle Einblicke zum Thema Nationalsozialismus in Rankweil ergeben sich doch, meine zumindest ich. 


Im Vorfeld von 1938
Das nationalsozilistische Gedankengut war in Rankweil schon viele Jahre vor dem Anschluß an Hitler-Deutschland präsent und auch aktiv. Bereits in den 30iger Jahren gab es eine NSDAP-Ortsgruppe und etliche Mitläufer und Symphatisanten. Bei der Landtagswahl 1932 haben in Rankweil 244 die NSDAP, 214 den Landbund und 50 die Großdeutschen gewählt, dies entspricht einem Stimmenanteil des »Dritten Lagers« von 28%.


Österreichische Legion
Die Österreichische Legion war eine ab 1933 aufgestellte paramilitärische Einheit, die sich aus ins Deutsche Reich geflüchteten österreichischen Nationalsozialisten rekrutierte. Etliche Rankweiler sind zur Legion geflohen. 1938 sind diese „Heimkehrer“ mit wichtigen Posten belohnt worden.


Der Machtwechsel 1938
Noch am Tag des Einmarsches, am 12. März 1938, ernannten die Nationalsozialisten den Tierarzt Dr. Franz Schöch zum Bürgermeister der Marktgemeinde Rankweil. Bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 stimmten 2.065 RankweilerInnen (99%) für den Anschluss an Hitler-Deutschland, 36 hatten den Mut mit Nein zu stimmen!


Bürgermeister Dr. Franz Schöch
galt als „alter Kämpfer“. Schon 1934 schrieb der (vaterländische) Volksbote:  „Seitens der Behörde wurde unseren besseren Nationalsozialisten empfindlich zugesetzt. So musste der Landtierarzt Dr. Schöch etliche Schillinge zahlen. Ebenso wurde… “. Kurz nachdem er sein Bürgermeisteramt zurück legte, wurde er zum Ortsgruppenleiter bestellt.


Bürgermeister Hans Jenny
Bürgermeister Schöch legte sein Amt nach wenigen Wochen zurück. Schöch und sein Berater Dietrich waren überzeugt, dass der Wahlleiter Hans Jenny der geeignete Kandidat für das Amt des Gemeindeoberhauptes sei. Jenny wurde zu einem sehr intensiven Gespräch in die Wohnung von Bürgermeister Schöch geladen. Seine anfängliche Weigerung, die ihm zugedachte Aufgabe zu übernehmen, konnten die beiden erst mit dem Hinweis überwinden, dass widrigenfalls die Stelle im Altreich zur Bewerbung ausgeschrieben würde. So kam es zur Amtsübernahme von Hans Jenny am 2. Mai 1938.


Ortsgruppenleiter
Die Aufgabe eines Ortsgruppenleiters war es, „durch geeignete Veranstaltungen die Bevölkerung nationalsozialistisch auszurichtenund „sich durch die der Gemeindevertretung angehörenden Politischen Leiter seines Stabes über kommunale Vorhaben und Beschlüsse Bericht erstatten zu lassen und nötigenfalls Meldungen an den Beauftragten der Partei zu machen“. Dieser „Beauftragte der Partei“ war in der Regel der übergeordnete NSDAP-Kreisleiter. Der Ortsgruppenleiter war für die „Belange der gesamten Bevölkerung eines Ortes“ und nicht nur für die Partei-Mitglieder verantwortlich. In Rankweil wechselten die Ortsgruppenleiter relativ oft. Von 1930 bis 1945 gab es sieben Ortsgruppenleiter.


Nazi-Herrschaft in Rankweil
Mit dem Beginn der Naziherrschaft in Rankweil im März 1938 wurden zahlreiche Veränderungen mit Nachdruck umgesetzt:
Bürgermeister Dr. Franz Schöch löste Seraphin Reich ab. Gemeindesekretär Rudolf Fritsch wurde durch „Heimkehrer“ Alois Fritsch ersetzt. Linder Karl, Schulleiter der Volksschule Rankweil, wurde nach Brederis abgeschoben.

Auch vieles mehr hat sich geändert. Rankweil wurde nationalsozialistisch gemacht.


Hans Dietrich, „alter Frontkämpfer“
Hans Dietrich trat 1929 der NSDAP als Mitglied in Rankweil bei, war bei der SA aktiv und übte die Funktion des Propagandaleiters aus. Am 19.6.1934 flüchtete er zur Österreichischen Legion nach Deutschland, brachte es dort zum Sturmbannführer des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), entsprach dem militärischen Rang eines Majors. 1938 einer der zahlreichen Heimkehrer, wurde Dietrich Berater von Bürgermeister Dr. Schöch. Gauleiter Hofer hatte ihn als „alten Frontkämpfer“ und überzeugten Nazi in der Legion kennen und schätzen gelernt, in die Gauleitung nach Innsbruck gerufen und ihn zudem zum Kreisleiter in Bregenz ernannt.


Familie Franke
Mitglieder der Familie Franke waren schon vor und während der NS-Zeit in Rankweil sehr aktiv. Ernst Franke sogar bis Mitte der 70iger Jahre.


Franz Wagner
Mehrfach wird berichtet, dass Franz Wagner zu jenen Nationalisten gehörte, welche in Rankweil den ärgsten Druck auf die Bevölkerung ausübten. Der in Böhmen geborene Wagner („in seiner Art glich er einem gestiefelten Preußen“) war Oberfeldmeister des RAD im Reichsarbeitsdienstlager in Rankweil Brederis. Von November 1943 bis 22. April 1945 war Wagner Ortsgruppenleiter in Rankweil.


Alois Fritsch
ging am 8. August 1933  zur Österreichischen Legion nach Deutschland. Nach seiner Rückkehr 1938 wurde Fritsch zum Gemeindesekretär im Rankweiler Rathaus bestellt. Zuständig für Einkauf, Fürsorgewesen, Einwohnerverzeichnis, Militär- und Arbeitsdiensterfassung, Bescheinigungen, Ehestandsdarlehen, Kinderbeihilfen, Passangelegenheiten. Öffentlich aufgetreten ist Fritsch sehr oft auf Versammlungen und Großkundgebungen in Rankweil und den umliegenden Gemeinden als Parteiredner, Kreisredner oder Schulungsleiter.


Verfolgung und Widerstand in Rankweil 
In der Zeit des Nationalsozialismus (und dem vorangegangen Austrofaschismus) sind etliche Rankweiler – zum Teil mehrmals – von der GESTAPO verhaftet und inhaftiert worden.
 


NS-Euthanasie: Die ermordeten Patienten der Valduna
In der NS-Zeit wurden Behinderte und psychisch Kranke ermordet. 330 Patienten der Anstalt Valduna sind im Rahmen der Deportationen zu Tode gekommen.


Rankweiler Euthanasieopfer
Urkundlich belegt sind 4 Rankweiler Euthanasieopfer, welche aus der Valduna in die Tötungsanstalt Hartheim überstellt worden sind. Leider hat sich die Gemeinde nicht durchringen können, den Euthanasieopfern eine Gedenktafel anzubringen!


Irre geworden in einer heillosen Welt
Der Irrsinn zweier Weltkriege am Beispiel des besonders tragischen Schicksals des Rankweilers Franz Miller: Flucht aus der Mandschurei, von der Valduna in die Tötungsanstalt Hartheim.


Ein kämpferischer Prediger für den Frieden
Alois Knecht, Pfarrer von Meiningen, wird wegen einer kritischen Predigt im Oktober 1939 verhaftet und bis 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau eingesperrt und misshandelt. Pfarrer Alois Knecht stirbt fast hundertjährig im Altersheim seiner Heimatgemeinde Rankweil.


Bis zum bitteren Ende
Erschütternd sind viele Einzelschicksale Kriegstagen. Fanatische Nazis rechneten oft aus diesen letzten noch mit bekannten Gegnern des Nationalsozialismus ab, vor allem aber die SS wütete in vielen Gemeinden. Die Brüder Otto und Josef Morscher wurden am 2. Mai 1945 von der SS verschleppt und im Klauser Wald erschossen.


Der Grenzgänger und seine Fluchten
Es ist die Geschichte einer unglaublichen Desertion aus der deutschen Wehrmacht: Fünf Jahre hat der Höchster Hilar Huber auf der Flucht und in Gefängnissen verbracht, ehe er im Mai 1945 aus der Schweiz ins befreite Österreich – und in ein unauffälliges Zivilleben – zurückkehrte. „unglaublich – aber Realität im „Tausendjährigen Reich“! (GD)


Zwangsarbeiter
Auch in Rankweil waren Zwangsarbeiter im Einsatz, gegen Kriegsende etwa 400, vornehmlich in Betrieben für kriegswichtige Güter. Hier ein Interview mit dem heute 95-jährigen belgischen Zwangsarbeiter Cevila Camille.


Natalie Beer
ist die höchstausgezeichnete Schriftstellerin des Landes. Obwohl sie sich bis zu ihrem Tod (1987) zum nationalsozialistischen Gedankengut im allgemeinen und zu Adolf Hitler im besonderen, der Abschwächung und teilweise Leugnung der Judenverfolgung bzw. -Vernichtung, bekannte.
Ihre Heimatgemeinde Rankweil richtet ihr zu Ehren ein Natalie-Beer-Museum im Turmzimmer beim Waldfriedhof ein.


Böckles Olga
Mit 17 Jahren als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine nach Vorarlberg deportiert. Am Bahnhof Rankweil wurde sie von Uniformierten mit Hunden erwartet und nach Buchebrunnen zur Bergbauernfamilie Vogt begleitet. Ihre bewegende Geschichte hat sie im Buch „s‘ Böckles Olga“ festgehalten.


Sergeant Jean Mariani und die Widerstandsbewegung
Der französische Kriegsgefangene Sergeant Jean Mariani war im Reservelazarett Valduna als Hauselektriker beschäftigt. Als Mittelsmann der Rankweiler Widerstandsbewegung und den einrückenden französischen Truppen hat er sehr zum Wohle vieler Rankweiler vermittelt.


Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Rankweil
Franz Kielwein, ob seines Einsatzes für die Mitbürger allseits anerkannter Rankweiler Sozialdemokrat, hat das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Rankweil festgehalten. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde er aus dem Dienst der ÖBB entlassen. 1945 wurde er als Geisel inhaftiert.


 

Nationalsozialismus in  Rankweil